Heise, kaputte DVDs und der Kaufreiz

So ähnlich muss sich ein Archäologe fühlen, wenn er ein leeres Grab geöffnet hat. Heise online titelt „Datenrettung von CDs und DVDs„. Endlich erfahre ich mal, wie das geht. Doch der erste Absatz schließt mit dem Satz: „Mitunter lassen sich die Daten retten, indem man die Scheibe in einem anderen Laufwerk abspielt.“ Wollen die mich verarschen?

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Quelle: heise online

Im zweiten Absatz folgt das üblich Präprä, im dritten dann die Lösung: „Wir haben dazu eine Imaging-Software namens H2cdimage entwickelt“. Wie bitte? Hat da der Kollege am Freitagabend, kurz vor Wochenende, etwa eine Pressemitteilung allzu schnell abgetippt? Vier Absätze für den ultimativen Userguide zur „Datenrettung von CDs und DVDs“ sind allerdings auch nicht wirklich viel.

Und so muss sich ein Archäologe fühlen, der gerade erst in die Vorkammer eines Grabes eingedrungen ist: „Den Testbericht […] und einen ausführlichen Artikel […] finden Sie in c’t 16/05, ab Montag, den 25.07. am Kiosk.“ Dank Abo habe ich das Exemplar schon vor mir liegen. Auf Seite 78 heißt es ebenfalls: „Wir haben daher speziell zur Rettung beschädigter optischer Datenträger eine eigene Imaging-Software namens H2cdimage entwickelt“.

Wieso verstehe ich den Satz eigentlich richtig, wenn er in der c’t steht? Nämlich dass die allwissende c’t-Redaktion in ihrer gnädigen Güte uns einen Schnipsel Code geschenkt hat. Und warum halte ich es für Schlampigkeit des Redakteurs, wenn der gleiche Satz im Internet erscheint? Da beißt sich die Katze doch in den eigenen Schwanz. Ich nehme mir jetzt also ganz fest vor, heise online wieder ernster zu nehmen.

Davon mal abgesehen, frage ich mich, ob sich die c’t einen Gefallen tut, wenn sie mit einer solchen Online-Überschrift vollmundig verspricht, was sie erst in der Printausgabe halten kann. Als Leser lerne ich doch daraus, dass im Internet nur Tickernews und Eigenwerbung erscheint. Warum sollte ich solche Überschriften dann noch klicken? Vor allem kurz vor Erscheinen der Printausgabe.

Der Spiegel macht es da geschickter. Erst nachdem das Heft am Kiosk liegt, erscheint der eine oder andere Artikel – brav gekennzeichnet – auch online. Damit wird zwar kein ganz so starker Kaufreiz wie auf heise online ausgelöst, doch Spiegel online wird dadurch aufgewertet. Der Leser lernt außerdem ganz nebenbei, dass die Printausgabe auch nicht so übel sein muss. Den Spiegel werde jetzt trotzdem nicht kaufen, und auch heise online weiterlesen.

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Keine Kommentare

  1. Da gebe ich dir recht, Giesecke. Dennoch: du hast draufgeklickt. Wie wahrscheinlich viele andere Leser aus. Ein Klick, eine Werbeauslieferung, Geld für heise, gut für die Statistiken. Ob sich die User da verarscht fühlen, das hast du ganz richtig erwähnt, müssen sie natürlich selbst entscheiden.

  2. Das ist ein wenig zu kurz gedacht, Wagenhöfer. Mit einer solchen Taktik würde man zwar heute einen Klick mehr bekommen. Wenn die Leser frustriert abwandern, fehlen diese in der Zukunft zuhauf. Wer eine Website nur (!) vermarkten will, quetscht sie wie eine Zitrone aus, bis kein Saft mehr da ist. – Heise will hier übrigens keine Banner an den Mann bringen, sondern die c’t. Das ist schon ein Unterschied. Wofür ist auch sonst die Onlineausgabe einer Zeitschrift da, oder?

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