Die kommerzielle Logik des Journalismus

Auf faz.net habe ich heute ein sehr schönes Stück von Henning Hoff gefunden: „Was haben wir bloß falsch gemacht?„. Besprochen wird das Buch „Flat Earth News“ von Nick Davies. Er ist Korrespondet bei The Guardian. Seine These: Redakteure hätten keine Zeit mehr für Recherche. Das ganze Drumherum mit Massenvernichtungswaffen im Irak und das ganze lokalnationale Kolorit der britischen Presse lasse ich hier mal weg.

Davies schreibt über den Zustand der redaktionellen Arbeit. Hoff zitiert ihn mit den Worten „professioneller Käfig“ und „Nachrichtenfabrik“. Die journalistische Arbeit würde fast nur noch aus dem Umschreiben von Pressemitteilungen und Agenturmeldungen bestehen. Recherchiert werden würde kaum noch. Es werden Zahlen genannt, aber auch die lasse ich hier mal beiseite.

Bevor ich hier selbst nur Gelesenes wiedergebe, will ich nochmal meine These anbringen, dass in kleinen Onlineredaktionen immer nur einer das Sagen hat: der Vermarkter, der Webentwickler oder der Chefredakteur. Wenn man sich so durchs Netz klickt, sieht man vielen Websites an, dass es dort der Vermarkter ist. Immer wieder tauchen Klickibunti-Layer auf, die sich dann doch nicht wegklicken lassen. Hoff zitiert Davies auch mit dem Satz: „Das Grundproblem ist, dass eine kommerzielle Logik die journalistische abgelöst hat.“.

Im Redaktionsalltag sieht das dann oft so aus: Möglichst schnell produzieren. Möglichst wenig dafür zahlen. Ich habe das selbst schon organisiert. Journalismus-Studenten auf 400-Euro-Basis. Zehn Stunden pro Woche. Zwei Stunden pro Tag. Zwei Meldungen pro Tag. Das ist jetzt nicht das, was Nick Davies beim Guardian erlebt hat, dennoch läuft es auf dasselbe hinaus: schnell sichten, umschreiben, raushauen.

Interessanterweise kann man den ersten und den dritten Schritt zusammen auf Google News beobachten. Ich schaue mir dort lediglich die Rubrik Wissen/Technik an, weil nur die für Pocketbrain interessant ist. Ihr seht, ich mache das nicht anders.

Symptomatisch ist dies, wenn als Quelle das taiwanesiche Onlinemagazin Digitimes auftaucht. Irgendeiner liest eine englischsprachige Quelle, in der Digitimes zitiert ist, und schreibt darüber. Das lesen wiederum andere, die ihrerseits Digitimes anzapfen. Nach drei, vier Meldungen blockt Google News diese und hebt sie auf die Wissen/Technik-Seite. Spätestens jetzt folgt die Meute. Und Google News schiebt den Block immer weiter nach oben.

Wer das liest, denkt sich: Heise hat darüber geschrieben. Golem auch. Und Chip. Das muss wohl stimmen. Letztlich steckt aber nur dieselbe Quelle dahinter. Digitimes hat den Bericht einer chinesischsprachigen Meldung übersetzt. Diese beruft sich wiederum auf einen Insider im Unternehmen, der nicht näher genannt werden kann. Toller Journalismus.

Davies sagt, dass diese Art des Abschreibens anfällig für Falschmeldungen sei. Warum bloß?

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