Fünf Irrtümer über Tizen

Was ist nun mit Tizen? Der direkte Vorläufer MeeGo und das einzige Smartphone damit, das Nokia N9, sind phänomenal. Aber Tizen kommt einfach nicht an den Start, ein Jahr ist es nun zu spät dran. Das gibt Stoff für Spekulationen, und es sind einige Meinungen und Gerüchte im Umlauf, darunter auch folgende Irrtümer:



1. Samsung muss sich zwischen Android oder Tizen entscheiden.

Die großen Smartphone-Entwickler haben oft auf mehrere Betriebssysteme gesetzt, nicht nur, um Einsteiger- und Highendgeräte abdecken zu können, auch für die Spitzenmodelle gab es immer Konkurrenz. So hat Samsung früher auf Symbian und Windows Mobile gesetzt, heute noch auf Windows Phone – neben dem jetzt dominierenden Android. Bada war in den letzten Jahren lediglich die dritte Alternative.

Wer soll es denn Samsung übel nehmen, wenn in Zukunft mehr Werbung für das neue Tizen-Smartphone gemacht wird und weniger für die Android-Geräte? Google hat nicht die Macht dazu, Samsung die Nutzung von Android zu verbieten. Die ganze Fragestellung ist eine Zuspitzung der Medien, die gerne einen Gewinner und einen Verlierer sehen würden. Was auch sonst sollen sie derzeit über Tizen schreiben, wo es noch nicht viel zu sehen gibt?

2. Bada und Tizen verschmelzen.

Nur weil Samsung gleichzeitig verkündete, Tizen zu unterstützen und Bada aufzugeben, heißt das nicht, dass beide Betriebssysteme verschmelzen – was immer das auch bedeuten mag. Manch einer hat sich wohl darunter vorgestellt, dass Tizen aus Bada heraus entwickelt wird, was schlichtweg falsch ist. Da bliebe dann noch die Möglichkeit, Tizen so zu bauen, das Bada-Anwendungen darauf laufen – in welcher Form auch immer. Da hat Samsung nun klargestellt, dass es eine Erweiterung des Software Developer Kits (SDK) geben wird, mit der sich Bada-Apps zu Tizen portieren lassen. Es ist aber noch unklar, ob das Resultat dann im Einzelfall auch auf Tizen läuft und wieviele Entwickler dies nutzen werden.

Schlichtweg geht es wohl einfach darum, dass Samsung seine Kräfte fokussieren muss und bisherige Bada-Entwickler aus dem eigenen Haus zu Tizen-Entwickler umgeschult werden.

Wenn Bada in den Augen Samsungs genug Potential gehabt hätte, wären sie sicherlich dabei geblieben. Sie lassen aber Bada zurück. Allein schon aus diesem Grund sollte man nicht mit einer Abwärtskompartibilität rechnen. Das hat schon bei Palm nicht funktioniert. Erst hieß es, Palm-OS-Anwendungen würden unter webOS laufen. Später gab es dann nur einen Emulator für Palm OS, außerdem war schon so viel Zeit ins Land gezogen, dass es keinen mehr kümmerte.

Auf jeden Fall ist es nicht vorgesehen, Tizen auf alte Bada-Smartphones zu spielen. Da wird ein Übergang zwischen beiden System mehr simuliert, als dass es ihn tatsächlich gibt.

3. Es wird zu wenig Apps für Tizen geben.

Es wurde mal in Aussicht gestellt, dass MeeGo-Anwendungen auch unter Tizen laufen werden, davon ist aber schon lange nicht mehr die Rede. Für Bada-Apps gibt es die Möglichkeit, sie zu Tizen zu portieren. Ob die Entwickler aber davon Gebrauch machen werden und ob dies im Einzelfall auch immer gelingt, das ist noch nicht abzusehen.

Aber auch wenn die Entwickler für Tizen-Apps wieder bei Null anfangen müssten, das ist gar nicht der Punkt. Alle Betriebssysteme müssen zusehen, dass Webapps im HTML5-Browser sauber laufen, um gegen Android und iOS zu bestehen. Das wird Tizen hinbekommen.

Und schließlich ist damit zu rechnen, dass sich viele Bastler auf Tizen stürzen werden wie schon seinerzeit auf MeeGo und dass sie mit offenen APIs die Apps, die sie nutzen möchten, selbst bauen und sogar kostenlos anbieten. Das gilt dann vielleicht nicht für Nachrichten-Apps und Spiele, aber für Dropbox und dergleichen.

4. Tizen ist Linux.

Auf der Hardware-Ebene mag das stimmen. Dort gilt das auch für Android, was Google aber darüber gebaut hat, hat nicht mehr viel mit Linux zu tun und mit der Freiheit, Programme nach eigenem Gusto zu installieren. So wird das meiner bisherigen Einschätzung nach auch für Ubuntu auf Smartphone und Tablet gelten.

Bei Bada und MeeGo ist das noch ein wenig anders gewesen, da haben viele Bastler dran gesessen und Linuxpakete angepasst und installiert. Es wird spannend sein zu sehen, wie das bei Tizen gelöst wird. Spätestens bei einem kommerziellen Erfolg – so meine Wette – wird Samsung versuchen, die Möglichkeiten einzugrenzen, um den eigenen App-Store zu etablieren. Daran baut das Unternehmen schon lange, mit Tizen soll es hier einen großen Schritt nach vorne gehen.

5. Tizen wird günstig.

Warum sollten Smartphones mit Tizen günstig sein? Weil Tizen Open Source ist? Für Android muss Samsung auch nichts an die Open Handset Alliance bzw. an Google zahlen. Dennoch sind Smartphones mit Android und Bada, die ursprünglich mit ähnlicher Hardware und mit ähnlichem Preis angekündigt wurden, unterschiedlich schnell im Preis gefallen. Der Preis für Bada war sofort im Keller, dennoch wurden auf diese Weise keine großen Marktanteile gewonnen.

An den Spitzenmodellen mit Android jedoch hat Samsung ordentlich verdient – so wie das beim iPhone immer schon der Fall war. Der Preis hängt also stark davon ab, wie Samsung Tizen in den Markt drücken möchte bzw. welche Gewinnmarge erzielt werden soll. Einem Gerücht zufolge sollen erst einmal die Spitzenmodelle mit Tizen erscheinen, die zudem um die 250 Euro kosten werden, später dann soll es noch Einsteigergeräte geben, die noch günstiger sind. An den Preis glaube ich noch nicht.

Noch eine Anmerkung zum Schluss

Das Video oben habe ich über das neue Tizen-Blog gefunden. Es mag zwar sein, dass dort im Blog einige Quellen zitiert werden, denen man nicht unbedingt Glauben schenken darf, das sind aber Quellen, die man in den großen Redaktionen sicherlich nicht auf dem Schirm hat. Ein großes Lob daher von mir an das Tizen-Blog.

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