Die LA Times scheitert mit eigenem Wiki

Florian Rötzer beschreibt auf Telepolis sehr schön, warum Wikis nicht geeignet sind, eine gemeinsame Meinung zu formulieren. Diese gibt es nämlich gar nicht, wie ein „Experiment“ der Los Angeles Times gezeigt hat. Deren Versuch, ein vorformuliertes Editorial durch die Leser im Wiki-Stil bearbeiten zu lassen, endete im offensichtlichen Dissenz. Man war sich lediglich darin einig, das Wiki als Pöbel-Plattform zu nutzen.

LA Times
Quelle: LA Times

Warum ist denn dann die Online-Enzyklopädie Wikipedia so erfolgreich? Ganz klar, bei der gemeinsamen Erstellung eines Lexikon-Artikels haben alle Beteiligten den Anspruch, sich der Objektivität zu nähern. Da liegen die unterschiedlichen Ansichten meist nicht so weit auseinander, sodass es sich leichter eine gemeinsame Formulierung finden lässt – nachzulesen unter www.wikipedia.org.

Ein Editorial jedoch ist Meinung pur, und davon gibt es bekanntlich genauso viele, wie es Menschen gibt. Das Wikitorial der LA Times (eine sehr schöne Bezeichnung übrigens) zeigte deshalb auch sehr schnell die üblichen Ausfallerscheinungen, die schon von diversen Foren-Trollen bekannt sind. Nur dass es in diesem Fall nicht darum ging, überhaupt etwas zu schreiben („Erster“), sondern darum, möglichst vielen Leuten möglichst heftig vors Schienenbein zu treten („Fuck USA“). Das Thema Krieg bietet hierfür allerdings auch genügend Einladungen.

Viel Mut hat die LA Times mit diesem Schritt gezeigt, wenn auch wenig Weitsicht. Genau darum war es der Zeitung aber wahrscheinlich gegangen. Der eigentliche Hype sind derzeit nämlich Weblogs, und viele Redaktionen versuchen sich auch an dieser neuen Textform. Wikis jedoch könnten der Hype von morgen sein. Wer heute schon darauf setzt, könnte morgen als Vorreiter gefeiert werden.

Zugegeben, Blogs sind hipp, aber letztlich nichts anderes als die Fortsetzung des Hypes, eine eigene Homepage ins Netz zu stellen. Das dort zur Schau gestellte Kätzchen samt der Preisgabe sämtlicher Kosenamen für selbiges unterscheidet sich nur von der Art und Weise, wie sie ins Netz gelangt sind. Auf der Homepage der späten Neunziger war alles noch hierarchisch in Form von Kategorien oder Fotoalben organisiert, im heutigen Blog wird es eben chronologisch eingestellt. Jeden Tag ein neuer Happen – am besten direkt nach Fütterung der Pussy.

Blogs werden dabei meist von nur einer Person geschrieben. Das Wiki ist jedoch erst einmal keine alternative Form, Texte im Internet zu publizieren, sondern eine Form verteilten Arbeitens. Der Witz am Wiki ist, dass mehrere Leute daran schreiben. Erfolg kann das nur haben, wenn diese Gruppe auch einen genügend großen Einigungswillen hat. Und wenn der unbeugsame Rest eben nicht zur Gruppe gehört. Wer in einem Wiki Meinungen formulieren möchte, muss bereit sein auszugrenzen.

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