Bettina Rust: In der Hektik liegt die Würze

Wenn meine Eltern am Wochenende eine Talkshow schauen, schalten sie Sabine Christiansen ein. Andere Eltern bei Maybritt Illner. Allerdings unterscheiden sich beide Sendungen lediglich wie CDU und CSU. Ich schalte lieber am Freitagabend ein. Dort läuft dann die NDR-Talkshow oder drei nach neun von Radio Bremen. Nicht politisch, muss es aber auch nicht sein. Das dachte sich auch Sat1 und engagierte Bettina Rust für den Talk der Woche. Gestern abend lief das erste … tja, was lief da eigentlich? Erfrischend anders war es auf jeden Fall.

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Quelle: Sat1

Gelesen hatte ich im Vorfeld zwar schon einiges darüber, aber offensichtlich war der Reiz nicht groß genug, auch pünktlich einzuschalten. Nur per Zufall gelang ich ins Programm und verpasste so die Anmoderation und die erste Themenrunde. Egal. Was ich da sah, war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Die Show steckte voller Gegensätze, Spannung nennt man das wohl.

Die erste Überraschung: Nicht das übliche Talkshow-Mobiliar hat auf den Sesseln Platz genommen, sondern Harald Schmidt, Otto Schily und Giovanni di Lorenzo waren eingeladen worden. Echte Charakterköpfe. Der übliche Parteienproporz war gleich ganz missachtet worden. Zum Glück. Kauder oder Gerhardt hätte ich nicht ertragen. Damit saßen weniger Gäste als in vergleichbaren Talkshows (aber vergleichen lassen wollte man sich ja nicht), ja, am Tisch saßen sie. Eine Moderatorin und ihre drei Gäste. Sehr überschaubar.

Rein räumlich gesehen jedenfalls. Ansonsten war den Äußerungen nur schwer zu folgen. Dies lag sowohl an der Moderatorin als auch am Konzept. Bettina Rust war nervös. Die Stimme lag zu hoch. Sie kiekste. Viel zu schnell redete sie, wie ein Wasserfall. Man merkte ihr an, dass sie vom Radio kommt. Ein ständiges „Okay“ signalisiert: „Okay, ich höre dir noch zu, rede ruhig weiter.“ Im Fernsehen nervt’s. Ich denke mal, das bessert sich in den nächsten Wochen. Sie muss den richtigen Zeitpunkt finden, den Gästen ins Wort zu fallen. Dann lässt sie sich auch nicht mehr davon abbringen.

Das Konzept ist eigentlich auch gut. Die Enge am Tisch mit weniger Gästen. Schnelle Themenwechsel, schnelle Redebeiträge. Nicht zu einem politischen Thema, sondern zu den Themen der Woche, das Ganze im Zehn-Minuten-Takt. Den richtigen Gästen entlockt man dann auch Spontanität und Schlagfertigkeit. Gestern abend ist nicht so recht gelungen. Zehn Minuten sind einfach zu wenig für ein Thema. Es ist zu sehr Konzept, die Gesprächspartner in Stakkato zu wechseln. Es ist zu wenig Zeit, einen Gast seinen Gedanken entwickeln zu lassen. Wortwechsel wurden gleich wieder abgebrochen. Spiegel Online nennt dies Power-Plausch und liegt damit daneben. Ein Plausch war es gerade nicht.

Es ist wohltuend, dass die Gastgeberin nicht die übermächtige Matrone gibt. Sie weiß nicht alles besser. Im Gegenteil. Im Vorfeld und beim Thema Fußball auch in der Sendung kokettierte sie damit. Sie ist sich auch nicht zu schade, Fragen zu stellen. Beim Thema Fußball wurde sie allerdings schnell an die Wand gespielt. Und es ist nur der Professionalität der Gäste zu danken, dass sie dort nicht abgeschossen wurde. Bei Harald Schmidt jedenfalls blitzte es kurz in den Augen auf.

Die Frau hat Humor, leider konnte sie in der Sendung nur wenig davon zeigen. Laut wirres.net antwortete sie auf die Frage, ob sie froh sei, dass di Lorenzo als Gast in ihrer ersten Sendung sei: „Ja, weil der dann die Moderation übernehmen kann, wenn ich ohnmächtig werde. Mein Lieblingsszenario ist, dass ich ausrutsche, auf Schilys Schulter kippe und seine Personenschützer mich dann erschießen.“ Da wir schon beim Thema „erschießen“ sind: Ich hoffe, dass Bettina Rust nicht das widerfahren wird, was Anke Engelke als Late-Night-Talkerin erdulden musste.

Und dann musste Bettina Rust doch gehen: Ein Abgang wie Anke Engelke

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