Noch ein Wahlverlierer: die Journalisten

Worauf nur die wenigsten geachtet haben: Schröders erster Schuss in der Elefantenrunde am Sonntagabend ging gegen die Medienlandschaft und nicht gegen Angela Merkel. Doch die beiden Moderatoren reagierten äußerst schwach, und das ist symptomatisch für die Abstumpfung der Politiker-Journalisten-Gespräche. Der Kanzler hat das gemacht, was Merkel in den Sabine-Christiansen-Maybritt-Illner-Interviews erst langsam gelernt hat: einen Satz so lange zu wiederholen, bis der Frager aufgibt. In der Schröder-Variante mit stechendem Blick, als ob der Kanzler einem höchstpersönlich an die Gurgel springen wollte.

Sicher, hier und da mokieren sich die Journalisten darüber, der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) protestierte auch brav, in der Pressekonferenz fragte Joschka Fischer jemand, wie er dazu stehe. Er ließ den Kanzler nicht im Regen stehen, seine Kritik war dennoch eine andere. Anders als der Kanzler beschwerte er sich nicht über die vielen Sonntagsfragen im Vorfeld der Wahl. Die Journalisten sollten lieber mal weniger Journalistenkollegen interviewen, wenn kein anderer Gesprächspartner zur Verfügung steht, und ihre Arbeit machen. Stichwort selbstreferentielles System.

Das war sein Punkt. Denn tatsächlich machen die Journalisten einen lausigen Job. Was die Politiker derzeit gefragt werden, ist noch langweiliger und harmloser als das, was die Politiker darauf antworten. Erst wird nach der bevorzugten Koalition gefragt, dann nach dem Posten, den der Interviewte übernehmen wird. Obwohl sich beide Fragen nicht beantworten lassen, werden die Fragen einfach nochmal gestellt. Und noch einmal. Und das gleiche Spiel wiederholt sich bei jedem, der vor die Kamera gezerrt werden kann. Es sind einfach die falschen Fragen, die gestellt werden. Die stupiden Antworten der Politiker werden von den Zuschauern nur deshalb hingenommen, weil die Fragen ebenso stupide sind.

Spiegel Online hat heute damit begonnen, die richtigen Fragen zu stellen: Wie könnten – für jede denkbare Koalition einzeln aufgeführt – Kompromisse in der Wirtschaftspolitik aussehen? Und wie müssten sich die Parteien dafür bewegen. Noch ein zaghafter Ansatz, aber genau das müssten auch die Fragen im Interview sein: Liebe CDU, können Sie sich vorstellen, den Atomausstieg für die nächsten vier Jahre unangetastet zu lassen? Liebe Grünen, können Sie sich vorstellen, Gentechnik zumindest in einem eng gestecktem Forschungsumfeld zuzulassen?

Es fehlen auch die Analysen. Warum spricht niemand den Satz aus: Schröders Sieger-Pose ist der Versuch, bei einer Großen Koalition den Kanzler zu stellen? Für die Bildung einer Ampel wäre dieses Machogehabe nicht notwendig. Oder: Westerwelles Absage an Gesprächen mit der SPD, ist der Versuch, die Grünen in die Schwarze Ampel zu drängen. Warum listen Journalisten nicht die fünf, sechs wichtigen Themenfelder auf und stellen die Positionen möglicher Koalitionspartner nebeneinander? Warum werden nicht konkrete Themen aufgezeigt, wo es vielleicht Gemeinsamkeiten geben könnte?

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  1. Giesecke, das ist das Problem bei Interviews. Viele versuchen, erst einmal einen „Grund“ abzustecken – Fragen, die eben auch die Bevölkerung interessieren. Selbst wenns immer die gleichen sind. Für mehr als Kurz-Gespräche bleibt in den meisten modernen Talkshows sowieso keine Zeit. Doch, es gibt Ausnahmen. In einem der Dritten habe ich Sonntags nachts eine sehr sehr entspannte Talkrunde gesehen – an den Namen kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber es waren lauter Schriftsteller zu Gast. Da blieb Zeit für tiefgehende Gespräche. Vielleicht schauen wir nur normalerweise das Falsche? Achja, und lautgeben.de hat inzwischen ein Transkript der Elefantenrunde. Wer wie ich die ersten 15 Minuten verpasst hat, wird da fündig.

  2. Im Dritten gibt es sehr gute Talkshows: drei nach neun von Radio Bremen und die NDR-Talkshow. Kommen immer Freitagabend. Trotz deines guten Talkshow-Geschmacks glaube ich aber nicht, dass du Recht hast, Wagenhöfer. Es ist kein Problem, in der Amoderation auf ein Thema hinzuleiten und dann die Frage an der Politiker einzublenden. Und natürlich seine Antwort. Man muss nicht in jedem 30-Sekunden-Interview die gesamte Weltgeschichte samt Völkerwanderung und Napoleonischer Kriege durchhecheln.

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