Das heitere Merkel-Memory

Nun ist es soweit, die neue Bundeskanzlerin ist gewählt. Da verwundert es auch nicht, dass gestern ein alter Eintrag auf netzausfall des öfteren aufgerufen wurde: „Das Merkel, ein Phänomen„. – Ein Phänomen war aber vor allem die Bildersprache, deren sich Journalisten schon seit Monaten bedienen. Je nach Gefühlslage (im eigenen Bauch?) wurden schöne oder weniger schöne Fotos von ihr veröffentlicht. Und so entstand in den Köpfen der Leser/Zuschauer allmählich das Bild einer griesgrämigen Angela Merkel.

Die Gesichter der Angela Merkel
Das Merkel-Memory: Wer ähnliche Bilder veröffentlicht, gewinnt (Bilder: Spiegel Online. Kollage: netzausfall)

Stefan Raab trieb es sogar so weit, dass sich auf Knopfdruck ihre Mimik von heiter nach wolkig verziehen konnte – und umgekehrt. Was man dem Meister aber noch als witzig durchgehen lassen kann, ist in der ernsthaften Berichterstattung eindeutig fehl am Platz. Gestern dann, anlässlich der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin, veröffentlichte Spiegel Online wieder eine Bilderserie; erst neun Bilder, im Laufe des Tages wuchs die Galerie auf zwölf. So glücklich hat man Angela Merkel lange nicht gesehen. Die einzigen miesepetrigen Gesichter wurden von Angelas Mama und vom frisch gebackenen Altbundeskanzler gezogen.

Soweit, so gut. Ich sehe ja nicht viel Fernsehen, jedenfalls nicht tagsüber, wenn ich am Rechner sitze. Ab und zu dudelt das Radio im Hintergrund. Nur Spiegel Online wird des öfteren auf Neuigkeiten gescannt. Und was war mein gestriger Eindruck? Die Erst-noch-nicht-und-dann-doch-Kanzlerin platze vor Spannung. Den ganzen lieben Tag lang. Wie so etwas bei ihr aussieht, konnte ich mir lebhaft vorstellen: ein Zucken der Mundwinkel; ein Blick, der offenbart, dass sie sich beobachtet fühlt; und unangenehm berührt; und dann der Befehl vom Hirn an die Mundwinkel, einen ihrer aufgesetzten Gesichtsausdrücke zu ziehen. Mein Eindruck vom Ex-Kanzler: locker und gelöst; so charmant, wie man ihn kennt (nur Angela Merkel gegenüber bislang nicht).

Was ich da durchs Wort erfahren habe (Radio, Internet) entsprach so gar nicht dem, was ich in Spiegel Onlines Bildergallerie sah. Dort strahlte mich eine Angela Merkel Mit leuchtenden Augen an. Die Bilder sind sicherlich echt, aber wohl doch nur eine Facette des gestrigen Tages. Den Erwartungen der Leserschaft geschuldet, vielleicht aber auch nur der Ausdruck einer schon öfter vermuteten SpOn-Sympathie für die Schröder-HerausforderinNachfolgerin. Ich hätte mir auch Bilder der angespannten, nervösen Kandidatin gewünscht.

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Keine Kommentare

  1. Das ist eben das Problem eines statischen Bildes. Es kann nur eine Momentaufnahme wiedergeben. Interessant zum Beispiel just in dem Moment, als Merkel erfährt, dass sie gewählt worden ist (per SMS, soweit ich das mitbekommen habe). Aber dann muss der Moment, zu dem das Bild passt, auch angegeben werden. Schlimmer ist das noch bei Archivaufnahmen, die gerne zum jeweiligen Artikel genutzt werden. Auch das ist Propaganda.

  2. Ich habe einige Jahre ohne Fernseher gelebt. Eine Wohltat. Ich kann sehr gut ohne bewegte Bilder. Mir reicht eigentlich die Kombination auf täglich Internet und einer guten Wochenzeitung. Den neuen Verteidigungsminister Jung habe ich bisher nur auf Fotos gesehen. Reicht doch, oder? – Um zum Thema zurückzukommen: Die Aufgabe der Journalisten ist es, die von dir erwähnte SMS-Situation treffend zu beschreiben. Bzw. das richtige Foto zu schießen und ausgewogene Fotostrecken zu veröffentlichen.

  3. Korrekt, Giesecke, das sollte die (Bild-)Redaktion tun. Dass sie es nicht immer schafft (oder will), ein Bild in den Kontext zu bringen, kennt man ja leider. Ach, und ohne Fernseher könnte ich auch manchmal leben. Zumindest ohne die Sat-Schüssel. DVDs will ich dann doch auf dem großen Bildschirm kucken. Die Tagesschau gibt’s ja auch online als Stream. Genauso wie Kerners Kochsendungen.

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