Spiegels netzticker ist ein Wegklicker

Spiegel Online hat was Neues: den netzticker. Seit Anfang des Jahres werden dort täglich Netzfundstücke vorgestellt. Nicht aus der Mitte der Redaktion, sondern anscheinend von einem Externen. Spon mach das ja öfter, so langsam wird es aber zur Gastkommentaritis. Wenn die 11 Freunde berichten, ist dies noch erbauend. Auch GEO habe ich gerne auf Spon gelesen. Da berichten Redakteure, die im Thema drinstecken. Der Spon-eigene Schreiberling könnte dies nur mit einem Mehr an Aufwand leisten. Und die 11 Freunde machen sich selbst keine Konkurrenz, sondern steigern ihre Bekanntheit. So läuft Kooperation. Vorbildlich.

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Outsourcing in der Online-Redaktion: Die Gastkolumne
(Screenshot von Spiegel Online)

Beim netzticker habe ich erst einmal geschaut: Wer ist das überhaupt? Muss man den kennen? Hat mal für das eine Magazin geschrieben, mal für das andere. Den Namen hatte ich dennoch nicht gespeichert. Trotz oder wegen – die nette kleine Fotobox wie die 11 Freunde hat er bekommen. Und was schreibt er so? Keine Hintergründe, sondern ein Kessel Buntes. Man kennt das schon aus der Feuilleton-Zusammenfassung „Heute in den Feuilletons„. Und auch früher schon gab es Ähnliches auf Spiegels Netzwelt. Ich habe nie etwas damit anfangen können.

Wenn ich eine Überschrift sehe, will ich auch wissen, was mich im Artikel erwartet. „Gehacktes“ wäre zwar eine treffende Überschrift, aber doch etwas zu allgemein gehalten. Das tägliche Feuilleton-Screening macht da als Presseschau noch Sinn. Schließlich kaufe ich mir nicht tagtäglich SZ, FAZ, FR, Welt und NZZ – nur um die neueste Theaterkritik mitzubekommen.

Der netzticker jedoch bietet sowas wie „Von Eierschalen und sexy Isländern“ oder „Große Länder, große Ideen, große Augen„. Gefällige Überschriften. Ich klicke der großen Augen wegen und erfahre, dass der Autor das „China Internet Network Information Center“ liest (hoffentlich wird er nach Zeilen bezahlt, denn allein dieser Name füllt schon eine). Ach ja, Ende 2004, also nicht letztes Jahr, sondern noch davor, hatten 94 Millionen Chinesen Internetzugang. Und nicht etwa 95 Millionen. Gähn. Ein Sack Reis. Bei solchen Infos bekomme ich die „großen Augen“ und klicke schnell weg. Die Fotostrecke habe ich natürlich noch mitgenommen.

Mein Eindruck ist, dass Spons Netzwelt etwas Bloggiges machen wollte, aber bitte schön in einer journalistischen Form und ohne es so zu nennen. Ein Cocktail von Links und Gedanken. Das kann gut gehen, wie man an Hal Fabers „Was war. Was wird.“ auf heise online sieht. Muss aber nicht. Dem netzticker fehlt schlichtweg Charme. Gehacktes eben.

Ob das Spon schon aufgefallen ist? Keine Ahnung. Die Klickzahlen dürften gar nicht so schlecht sein. Gute Überschriften regen eben zum Klicken an. Doch wenn der Leser direkt nach dem Lead wieder aussteigt, hat das Magazin nicht wirklich was gewonnen. Der Stammleser lernt sehr schnell, hinter welcher Überschrift sich welcher Schreiber verbirgt – und meidet diese auch. Mag sein, dass ich mich mit meiner Kritik etwas zu weit aus dem Fenster lehne. Ich nehme aber auch gerne Wetten an, wie lange der netzticker durchhält. Sehr schön dagegen der Zwiebelfisch von heute. Darauf ist Verlass.

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