Wenn die Mediachefin höchstpersönlich anruft

Die „Bahn storniert Anzeigen bei ‚Capital‘“ heißt es auf Spiegel Online. Die Mediachefin der Bahn habe die Anzeigenabteilgung der „Capital“ angerufen und alle Anzeigen storniert. Woran mich das wohl erinnert? – Vor Urzeiten (wann und wo spielt keine Rolle) bekam ich einen Anruf von einer Pressestelle, zu der wir einen guten Kontakt hatten. „Der Marketingchef stand gerade vor meinem Schreibtisch. Er hat sein Büro im Flur direkt gegenüber. Und er ist gar nicht glücklich über eure Meldung. Er möchte eigentlich bei euch nicht mehr buchen und hat mich gefragt, was man da tun kann. Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass ihr eure Meldung ein wenig entschärft?“

ICE auf dem Altenbekener Viadukt
Alles geht vorbei (oder fährt): Auch die Anzeigen-Blockade der Deutschen Bahn
(Bild: Deutsche Bahn)

Das ist natürlich etwas anderes, als der Capital gerade widerfahren ist. Was gedruckt wurde und am Kiosk liegt, kann nicht mehr geändert werden. Da muss zwangsläufig die Sanktion folgen. Oder der Wiedergutmach-Artikel in der folgenden Ausgabe. Pfui Deibel. Wenn etwas online erscheint, ist dies anders. Je schneller die Pressestelle reagiert, desto weniger Leser haben die unliebsame Kritik zu Augen bekommen. Und der Chefredakteur sitzt nun in der Zwickmühle. Hart bleiben und einen wichtigen Werbekunden verlieren? Oder das journalistische Selbstverständnis ein wenig zurechtbiegen und sich für eine alternative, aber durchaus vertretbare Version entscheiden?

Gerade die kleinen Onlinemagazine werden da schnell schwach. Zumal der Geschäftsführer dem Chefredakteur noch näher auf der Pelle hockt, als der Marketingchef im obigen Beispiel der Pressestelle. Die „Capital“ wird es überleben, auf die Anzeigen der Bahn verzichen zu müssen. Auch wenn es schmerzt. Kleine Onlinemagazine können sich das oft nicht leisten. Leider.

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Keine Kommentare

  1. Ich denke, man sollte für solche extremen Fälle, die zudem gut dokumentiert sind, durchaus mal über den Straftatbestand der Erpressung nachdenken.
    Übrigens schade, dass die Bahn den durchaus vorhandenen Fortschritt bei Ihren Produkten, immer wieder durch diese unglaubliche Fehlgriffe in Misskredit bringt.

  2. Leider sind solche Fälle nicht gut genug dokumentiert. Es ist ja meist nur ein Anruf – dann auch noch aus der PR-Abteilung, die sehr genau weiß, wie man so etwas formuliert. Es wird nur angedeutet. Und auch die Stornierung von Buchungen oder die Ankündigung, nicht mehr zu buchen, ist an sich nicht ungesetzlich.

  3. Jetzt musst Du uns aber noch verraten, wie Du Dich damals entschieden hast. Sonst schalte ich keine Anzeigen mehr bei Dir. 😉

  4. Von dir habe ich eh noch nie Geld gesehen. 😉 Im damaligen Fall habe ich mir natürlich erst einmal angehört, was der Redakteur genau verbockt haben soll, dann den Sachverhalt angeschaut und auf dieser Grundlage entschieden. Ich lasse mich schließlich nicht erpressen.

  5. Sehr schade, dass die Pressefreiheit durch die Abhängigkeit der Vermarkter von den Werbekunden oftmals eingeschränkt wird. Besonders schlimm daran ist, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann…

  6. Hört, hört. Eine ziemlich fatalistische Position. Weder muss das kleine Onlinemagazin vor dem Mediaplaner einen Bückling machen, noch die Redaktion vor dem Vermarkter in eigenen Haus. Mach mal den Rücken gerade, Mike. Bauch rein und Brust raus.

  7. Ich teile deine Meinung, doch wird hier nach einem Ideal gestrebt, was im Grunde löblich und zu verfolgen ist. Blickt man sich um, sieht die Welt jedoch ganz anders aus. Wenn ich jetzt von Kapitalismus und geldlicher Abhängigkeit anfange, würde das zu weit führen. Und nein, ich bin kein Marxist. Eher Realist 😉

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