Tschüß Spiegel Online

Es gibt Publikationen, die liest man eine Zeitlang, und es gibt Publikationen, denen bleibt man treu. Die Tempo, die ich nur ein, zwei Jahre gelesen habe, hinterließ einen bleibenden Eindruck, dennoch vermiss ich sie nicht. Von der gedruckten Zeit habe ich seit 1992 vielleicht zwei, drei Ausgaben verpasst, und ich sehe keinen Grund, jetzt oder in Zukunft davon Abstand zu nehmen. Wovon ich heute Abschied nehme, ist Spiegel Online.

Spiegel Online und sueddeutsche.de im Google Reader
Spiegel Online und sueddeutsche.de im Feedreader (Klick öffnet Großansicht mit 281 KB)

Ja, ich bin süchtig. Ich bin ein Infojunkie. Einmal die Stunde Spiegel Online öffnen, nach neuen Newsmeldungen scannen, das musste einfach sein. Um das Jahr 2000 herum war es noch n-tv.de, irgendwann bin ich dann auf die Droge Spon umgestiegen. Vor ein paar Wochen wechselte ich dann lediglich die Darreichungsform, seitdem konsumiere ich Spiegel Online nicht per manuellem Aufruf, sondern per Feedreader.

Ich habe Spiegel Online immer gut gefunden. Nach dem Redesign schrieb ich über die gereifte Schönheit, und als Julia Bönisch im Schaffungsprozess ihres Buches über Spiegel Online mit mir sprach, war sie überrascht, dass ich eine völlig andere Haltung an den Tag legte als Don Alphonso, mit dem sie am Abend zuvor sprach. Ich bezeichne meine jetzt mal als Nicht-ganz-so-anti.

Die auf Netzaufall geäußerte Kritik war oft nur eine im Detail, die kann man deshalb auch nicht als Maßstab nehmen. Die eigentliche Kritik an der journalistischen Linie fand an anderer Stelle statt, aber nicht hier, obwohl ich diese Kritik zumindest in Ansätzen teilte. Spiegel Online war zwar das best gemachte Newsportal, dennoch gefiel mir die Entwicklung dort nicht. Insbesondere wenn es um Themenauswahl und um Themenzuschnitt ging. Zu viel Boulevard. Zu viel hingewutzt.

Man merkt schon, ich eier ein wenig herum. Das eine finde ich gut, das andere wiederum nicht. Ja, was denn nun? Es geht mir gar nicht um eine Abrechnung mit Spiegel Online. Ich stehe einfach nur vor der konkreten Aufgabe, in meinem Feedreader auszumisten. Als Politik-Feeds habe ich „Spiegel Online – Politik„, „sueddeutsche.de – Politik“ und „Die Zeit: Deutschland“ abonniert.

Wenn ich vergleiche, was da gestern reingekommen ist, dann sind das 51 Meldungen. Spon hat einen Anteil von 27 News, sueddeutsche.de knapp 20 und Zeit online vier. Damit liegt auf der Hand, einer von beiden, Spon oder SZ, muss gekickt werden. Zeit schreibt zwar die besten Texte, liefert aber nur unregelmäßig und kann deshalb nur eine Ergänzung sein. Dem seltsamen Konzept von Zeit online werde ich mich wohl später mal widmen.

Da ich beide Feeds eine Zeitlang gelesen habe, hatte ich natürlich auch eine Vermutung, weshalb Spiegel Online so viele Meldungen mehr am Tag veröffentlicht. Erstens reichen sie die eine oder andere Agenturmeldung zu eher unwichtigen Themen durch. Das stimmt. Und zweitens habe ich Spon unterstellt, dass sie wesentlich mehr Follow-up-Meldungen produzieren. Das kann ich für gestern zumindest nicht bestätigen.

Beim Thema Kurnaz/Steinmeier (rot markiert) bringen beide drei Meldungen, auch ordentlich über den Tag verteilt. Beim Thema Mohnhaupt/Klar (grün) belässt es Spon bei zwei Meldungen, während sueddeutsche.de gleich sechs Stücke veröffentlicht, im Wesentlichen Hintergrundartikel. Beim Thema Stoiber/CSU (blau) liegen beide wieder mit vier gleichauf.

Weniger Meldungen in den Feedreader geflattert zu bekommen, wird meiner Sucht gut tun (oder auch nicht – je nach Perspektive). Entscheidend sind aber letztlich die besseren Texte der Süddeutschen. Und die Anlieferung über Feeds umgeht auch mein Problem, das ich mit dem Redesign von sueddeutsche.de habe. Spiegel Online werde ich sicherlich noch alle paar Tage aufrufen. Mal schauen, was in Hollywood los ist. Oder Mattuseks Kulturtipp schauen. Ein wenig Boulevardluft schnuppern.

Julia Bönisch hat in ihrem Buch gefragt, ob Spiegel Online ein Leitmedium für Journalisten sei. Ich finde, wer keine Ideen hat und sich bei Spon die Themen erst holen muss, macht keinen guten Job. Ähnlich verhält es sich mit der Bild-Zeitung, die keiner mag, aber dennoch die meisten auf ihrem Schreibtisch liegen haben. Deshalb lese ich, so sehr ich Stefan Niggemeier und sein persönliches Blog auch schätze, nicht das Bildblog. Ich lese auch nicht die Bild. Und jetzt auch Spon nicht mehr.

Tschüß Spiegel Online.

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Keine Kommentare

  1. Glückwunsch zum Wechsel! Ich habe ihn bereits Anfang des Jahres vollzogen und fühle mich bei sueddeutsche.de gut aufgehoben. Nachdem ich seit drei Jahren keinen SPIEGEL mehr lese, bin ich froh, nun auch Spiegel Online hinter mir zu lassen.

  2. Was mich amüsiert…

    Frisch gebloggt: Tschüß Spiegel Online

    darunter…

    Vielgelesen: Spiegel Online: Gereifte Schönheit

    🙂

  3. Okay, bin etwas spät dran, aber die Logik des letzten Absatzes verstehe ich nicht ganz:

    „Ich finde, wer keine Ideen hat und sich bei Spon die Themen erst holen muss, macht keinen guten Job. Ähnlich verhält es sich mit der Bild-Zeitung […] Deshalb lese ich, so sehr ich Stefan Niggemeier und sein persönliches Blog auch schätze, nicht das Bildblog. Ich lese auch nicht die Bild.“

    Nicht, dass ich finde, dass man das Bildblog lesen *muss* – das soll jeder für sich entscheiden – aber die Aufgabe, die sich Niggemeier und Co damit stellen hat m.E. nichts mit „Themen bei der Bild-Zeitung holen“ zu tun – das Bildblog greift ja nicht Themen auf, die die Bild-Zeitung bringt, sondern es macht auf unsaubere bis unlautere Methoden der Bild-Mitarbeiter bei der Berichterstattung aufmerksam. Das fällt unter Medienjournalismus, und bei dem liegt es in der Natur der Sache, dass er sich auf andere Medienprodukte bezieht. 🙂

  4. Okay, das „deshalb“ scheint einen kausalen Schluss nahezulegen, der in der Formulierung nur versteckt enthalten ist. Ich hätte mich da besser ausdrücken müssen.

    Es bezieht sich – in unklarer Weise – auf den von dir nicht zitierten Part „die keiner mag, aber dennoch die meisten auf ihrem Schreibtisch liegen haben“. Das ist doch bei Spiegel Online genauso. Die schärfsten Kritiker sind die eifrigsten Leser. Das galt auch mal für mich. Und deshalb habe ich mich entschlossen, Spon nicht mehr zu lesen (die Bild gehörte nie zu meiner Lektüre). Dann folgt erst der zweite Schluss: Weil ich die Bild nicht lese, lese ich auch das Bildblog nicht.

    Wie du die Aufgabe des Bildblogs beschreibst, sehe ich es genauso.

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