Von der guten alten Aufmerksamkeitsökonomie

Früher, tja, früher, da waren wir noch aktiv dabei. Da konnten wir noch jedes Wort von Michael H. Goldhabers „Attention Shoppers!“ fast auswendig herunterbeten. Da verschlangen wir neue Beiträge zur Aufmerksamkeitsökonomie auf Telepolis mit Leidenschaft. Die gute alte Rede von der Aufmerksamkeitsökonomie, über das eLAB-Blog bin ich auf einen Artikel von Linda Stone gestoßen. Sie schreibt über „Continuous Partial Attention“. Und ich frage mich, was dieser ganze Twitter-Hype eigentlich soll.

Eine kleine Auffrischung wider die Vergesslichkeit. In neuökonomischen Zeiten sind nicht mehr Geld oder Arbeitskraft das knappe Gut, sondern Zeit. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – das ist zwar ganz schön viel, aber auch schon die Obergrenze dessen, was einem Menschen zur Verfügung steht. Rein theoretisch jedenfalls. Praktisch ist es dann schon weniger. Und auch wer bis zum Wegdösen vor dem Computer sitzt, muss noch lange nicht effektiv arbeiten. Denn es geht nicht primär um Zeit, sondern um Aufmerksamkeit.

Wie schön, dass der Computer so viel gleichzeitig kann. Das kann der Mensch dann auch. Im Hintergrund einen Film downloaden, im Vordergrund Musik hören und News lesen, über die Freisprecheinrichtung nebenbei telefonieren, den Instant Messenger im Blick behalten und die Füße massieren. Multitasking wird nicht nur von Frauen beherrscht, sondern erst recht vor dem Computer. Es mag zwar schwierig sein, sich auf mehrere, parallele Aufgaben zu konzentrieren, wenn eine Aufgabe aber abgeschlossen ist, verlangt sie auch nicht mehr nach Aufmerksamkeit.

Continuous Partial Attention ist anders als Multitasking. Continuous Partial Attention erfordert eine dauerhafte Aufmerksamkeit: ständiges E-mail-checken, keine News auf Spiegel Online verpassen wollen, möglichst schnell an die Informationen rankommen, möglichst lückenlos. Und falls nötig reagieren. Als Erster. Im eigenen Blog. In anderen kommentierend. Bloß nichts verpassen. Das hört sich schwer nach Suchtverhalten an, ein solches Verhalten muss aber nicht pathologisch sein. Linda Stone spricht von einem „lebendigen Knoten im Netzwerk“. Da kann man nicht einfach mal so abschalten.

Always-on, immer auf Empfang sein, auch auf Sendung, das ist nichts anderes, als sich in einer andauernden Krisensituation zu befinden. Multitasking ist spätestens abends auf dem Sofa vorbei. Fernbedienung links, Bierflasche rechts, das ist dann nicht mehr wirklich multi und bedarf auch keiner krisenhaften Aufmerksamkeit, das geht schon von ganz alleine.

Die jüngere Generation, die jungen, sagt Linda Stone, sind jetzt semi-sync. – Jedes neue Medium hat die Kommunikation verändert: von der Schrift des Briefes zum Wort des Telefons und wieder zurück zur Schrift der E-Mail. Oder: von der Asynchronität des Briefes zur Synchronität des Telefons und wieder zurück zur Asynchronität der E-Mail. Aber was ist jetzt Semi-Synchronität? Nicht die E-Mail, nicht das Telefon, sondern Instant Messaging. Man bekommt den Eingang einer Meldung direkt mit, man kann auch direkt darauf reagieren, man muss aber nicht („mom, tel“).

Linda Stone dazu: „Many in the generation now entering the workforce view phone calls as intrusive and prefer text messaging. In interviews, orbits of communication are described: My Space to keep up with a wide set of friends and acquaintances, text messaging for both one to one and one to many communications and, for one’s closest friends, phone calls.“

Und in der Tat gibt es einige Leute, die nur ungern telefonieren. Mich eingeschlossen. Skype schon mal gar nicht. Auch Instant Messaging lässt mich kalt. Und das E-Mail-Programm wird vielleicht einmal pro Stunde geöffnet, ebenso wie der Feedreader. Zeiten ohne Unterbrechungen bekommen eine neue Bedeutung. Einfach das Gerät mal abschalten oder nicht aufs Display schauen, wenn man mit anderen spricht. Eine ganz schlimme Unsitte ist, Gespräche von Angesicht zu Angesicht zu unterbrechen, um ans Telefon zu gehen.

Dann lese ich über Twitter, und ich frage mich: Wer braucht das? Ich jedenfalls nicht. Was für ein Stress. Ständig aufzuschreiben, was man gerade tut. Ständig im Blick zu behalten, was der Kollege Wagenhöfer gerade macht. Ich verstehe es wohl einfach nicht.

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4 Kommentare

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