Lohnt sich der Paid-Content der Zeit?

Der erste Nachbar, der das Haus verlässt, so hoffe ich, legt die Zeitungen ins Treppenhaus. Als ich gestern die Treppe hinunterstieg, gar nicht einmal so spät, lag dort die Zeit – plitschplatschnass. Regenstimmung auch bei mir. Mit spitzen Fingern trug ich das nasse Etwas in meine Wohnung, an der einzigen trockenen Ecke hochhaltend – dort, wo steht, was das Ganze wert ist: drei Euro und zwanzig Cent.


Das doppelte Aufmacherchen

Das erste Mal ist das nicht passiert. Und als ich oben feststellte, dass das Zeit-Magazin Leben fehlte, da war auch das nicht das erste Mal. Mein Vermieter wird dennoch nicht in neue Hausbriefkästen investieren. Ich dagegen setzte mich wieder einmal an den Rechner. Und hoppla: Dort sieht die Zeit aber anders aus. Eine junge Dame hält eine rote Fahne hoch. Bei mir gießt eine Hand rote Farbe über Deutschland. Die gleiche Überschrift.

Man kennt das vom Wahlabend. Jedes Mal, wenn eine neue Hochrechnung erscheint, wird die Druckerpresse gestoppt und ein Aufmacher mit der neuen Grafik geschnipselt. Gab es nicht 2002 Zeitungen, die Herrn Stoiber als Bundeskanzler ausriefen? Warum sollte die Zeit so etwas machen? Meines Wissens ist Redaktionsschluss am Dienstag. Regelmäßig lese ich am Donnerstag Geschichten, die schon längst überholt sind. Who cares?

Ich überlege ernsthaft, mein Printabo zu kündigen und die Zeit nur noch am Bildschirm zu lesen. Dummerweise wandert der große Bildschirm diese Woche ins Büro, daheim bleibt der kleine 14-Zoll-Laptop. Dort passt das PDF in einer 100-Prozent-Auflösung nicht wirklich drauf. Wenn ich aber 90 Euro Abogebühr im Jahr spare, lohnt sich irgendwann auch ein neuer Monitor.

Lange habe ich die Zeit als Religionsersatz bezeichnet, um auszudrücken, wie emotional ich an die Zeitung gebunden bin. Seit 1992 bin ich treuer Leser, habe seitdem vielleicht zwei Ausgaben verpasst. Und nun? Ich denke in Preis-Leistungs-Kategorien.

Die Dame mit der roten Fahne bebildert die Titelgeschichte „Deutschland rückt nach links“. Drei Seiten Sommerlochbefüllung, doch das ist nicht Punkt. Mir hat gefallen, dass die Zeit – ich glaube mit dem Antritt Giovanni di Lorenzos als Chefredakteur – sich Themenschwerpunkte für jede Ausgabe setzt. Mal interessiert mich das Thema, mal nicht. Das ist okay so. „Deutschland rückt nach links“ ist ein Thema, das mich persönlich angeht. Dennoch kam ich in keinem Artikel über den zweiten, dritten Absatz hinaus. Gähn. Da lese ich doch lieber über den neuen Feminismus, die neue Männlichkeit und das neue Familienbild der CDU.

Die Preis-Leistung-Überlegung beschränkt sich nicht nur auf die Zeit. Ich finde die Entwicklung der letzten Jahre gut. Aber es gibt preiswerte Alternativen. Die erste Alternative ist der 22-Zoll-Bildschirm in Verbindung mit der PDF-Zeit. Die zweite Alternative ist Zeit online, viele Artikel erscheinen nämlich auch dort, im frei zugänglichen Teil. Angesichts einer unübersichtlichen Website muss man nur etwas suchen oder akzeptieren, dass der RSS-Reader ein wenig mit Links zu Bildergalerien zusgespammt wird. Die dritte Alternative ist eigentlich schon die zweite. Die Lektüre von Zeit online wird im Feedreader durch weitere Quellen ergänzt.

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Keine Kommentare

  1. Ich werde – obwohl beruflich mit Internet beschäftigt – bei der Print-Zeit bleiben. Die Gründe: Am liebsten lese ich sie im Bett. Und ich sitze eh den ganzen Tag vorm Monitor.

  2. Das würde ich doch auch gerne! Nur wenn die Zeitung einmal nass gewesen ist, rieselt hinterher der Sand heraus, als ob sie am Strand Burgen gebaut hätte. Warum kann die Zeit nicht im Plastikmäntelächen geliefert werden? Wie andere Zeitungen auch und allen ökologischen Bedenken zum Trotz.

  3. Im Regelfall gibt es (Print) nur eine Deutschland- und eine Österreich-Ausgabe. Bei diesem Titel gab es aber wohl eine Nord- und eine Südausgabe innerhalb Deutschlands.
    Was wie ins E-Paper wandert, kann ich gerne übermorgen mal die Kollegen fragen.

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