Die Wiederentdeckung des Papiers (I)

Neulich habe ich mal wieder ein Buch gelesen. Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger. Empfehlenswert. Ich hatte es im Sommer geschenkt bekommen und seitdem keine Zeit gehabt. Wie immer. Ich hätte es mir aber auch nicht gekauft, weil ich dem Papier weitgehend abgeschworen hatte. Damit meine ich nicht nur das papierlose Büro, das es bei mir sogar weitgehend war, ich wollte auch Bücher in Zukunft digital lesen. Das überlege ich mir jetzt aber noch einmal.

Im Jahr zuvor hatte ich eine CD geschenkt bekommen. Die Hörbuchfassung von Miriam Merkels Das Glück der Unerreichbarkeit. Ich habe die Scheibe zurückgegeben, nachdem ich sie digitalisiert hatte. Schon lange besitze ich keine CDs mehr. Den Restbestand habe ich vor dem letzten Umzug einfach in der Wohnung gelassen. Die Bücherkisten habe ich noch geschleppt, doch gerade bin ich dabei, einen Teil der Masse abzustoßen – Bücher, in die ich garantiert nie wieder schauen werde.

Und ich bin den Staub satt. Es gibt dieses Bild, das manche Menschen Bücher nicht nur lesen, sondern auch besitzen wollen. Dann ist es ihnen meist auch ein Bedürfnis, sie zu zeigen. Wenn ich jemanden das erste Mal in seiner Wohnung besuche, stehe ich sehr bald vor dem Bücherregal und erhalte so einen kleinen Einblick in das Reich seiner Gedanken. Ich habe mich auch stets über Besucher gefreut, die vor meinem Regal stehen und verstehen, wie ich meine Bücher ordne. Wenn da nicht dieser Staub wäre. Am liebsten würde ich meine Bücher hinter verschlossene Türen stellen – aber bitte kein Glas.

Auch nach Jahren noch lesen können

Doch was ist die Alternative zum Buch? Das iPad oder ein anderes Tablet ist es nicht. Die Hintergrundbeleuchtung des Bildschirms ermüdet die Augen und macht einen gleichzeitig wach. Und falls es noch jemanden gibt, der ein Buch für Stunden zur Hand nimmt, das iPad wiegt dreimal so viel wie ein Taschenbuch. Auf dem Tablet zu lesen, ist nicht nur unbequem, man macht es einfach nicht, wie David Heinemeier Hansson erst kürzlich feststellte. Er liest jetzt auf einem Amazon Kindle.

Ich hadere noch, ob der E-Reader für mich eine Alternative wäre. Als ich mir vor Jahren die erste Musik online gekauft habe, war diese noch mit einem Kopierschutz versehen. Nach einem Update lief sie nicht mehr, ich habe sie gelöscht. Ich möchte nicht, dass mir das mit digitalen Büchern ebenso geht. Ich möchte mich auch nicht in die proprietäre Umgebung eines Unternehmens einsperren lassen – egal, ob es Amazon oder Apple ist. Ich möchte das Buch auch nach Jahren noch auf einem Gerät meiner Wahl lesen können.

Das Ganze hat aber noch eine haptische Komponente. Ich meine nicht, das es einfach schön ist, ein Buch das erste Mal aufzuschlagen, darin zu blättern und daran zu riechen. Man kann auch (derzeit noch) schneller im Papier vor- und zurückblättern, um eine Passage zu verinnerlichen, die bis auf die nächste Seite reicht. Zudem ist das Lesen in einem Buch für viele ein Ritual, das den Tag beschließt: Alle Geräte sind ausgeschaltet, man liegt bereits im Bett und liest noch eine halbe Stunde, bevor man auch das Licht ausmacht. Auf einem E-Reader blinkt zwar keine E-Mail, und das Gerät hält einen auch nicht künstlich wach, aber die Kraft eines Rituals liegt gerade darin, klare Grenzen zu ziehen. Die Kraft des Buchs liegt nicht nur darin, was in ihm steht, sondern auch darin, wie es wirkt. Besonders meditativ ist ein E-Reader nicht.

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