Was bringt Crowdfunding?

Die Zeit schreibt gestern: Wie Kickstarter die Konsumgewohnheiten verändert. Also Zeit Online, da wird die Latte nicht ganz so hoch gelegt. Ich nahm den Artikel aber zum Anlass, mir einmal drei, vier Fakten ins Bewusstsein zu holen. Was Crowdfunding ist, wusste ich bereits: Wer Geld für eine Unternehmung braucht (das braucht kein wirtschaftliches Unternehmen sein, sondern kann auch Kunst sein oder eine gute Tat), kann sein Vorhaben publik machen und Geld dafür sammeln, um es dann auch umzusetzen. Das ist erst einmal nur ein Prinzip und kann letztlich alles oder nichts bedeuten.

Die größte deutsche Plattform ist startnext, sie kommt auch im Zeitartikel zu Wort. Demnach kann man in Deutschland laut startnext-Gründer Tino Kreßner bis zu 20.000 Euro über Crowdfunding einsammeln. Im globalen Maßstab, hier ist kickstarter die größte Plattform, können die Summen einiges höher sein. Dann muss man sein Produkt allerdings auch international vermarkten. Aber zurück nach Deutschland. Laut co:funding, Teil der re:publica 2012 und irgendwie mit startnext verbandelt, hat ein Projekt in Deutschland im Schnitt 2.750 Euro eingesammelt. Datengrundlage waren mehrere Crowdfunding-Plattformen, den Zeitraum habe ich gerade nicht parat, mir geht es auch bloß um die Größenordnung. Bei 850 Projekten wurden 1.001.306 Euro eingenommen und abzüglich Was-auch-immer 756.246 Euro an die Initiatoren ausbezahlt. Vielleicht sollte man einfach eine Crowdfunding-Plattform gründen, scheint sich zu lohnen.

Marketing und Aquise

Die größte deutsche Plattform, startnext, nimmt übrigens keine Provisionen. Man meldet sich dort an, stellt sein Projekt vor, sagt, wie viel Geld man benötigt, und legt einen Zeitpunkt fest, bis zu dem das Geld eingesammelt werden soll. Wenn der Betrag nicht zusammenkommt, erhalten die Finanziers ihr Geld zurück oder es wird erst gar nicht abgebucht. Das hängt letztlich von der einzelnen Plattform ab. Es gibt Projekte, wo das Geld ein Darlehn ist und im Erfolgsfall (!) mit Prämie zurückgezahlt wird. Man kann das Geld in diesem Fall selbstverständlich auch verlieren. Bei Kunstprojekten ist es teilweise auch ein Mäzentum, also ohne Gegenleistung. Bei startnext lobt man jedem Geldgeber ein Dankeschön aus, die Plattform formuliert das im Plural etwas poetischer: Dankeschöns. Naja, vielleicht nicht poetisch, sondern typisches Texter-Deutsch. Egal. Wer also die Produktion einer CD finanziert, erhält anschließend eine. Der Deal kann sich also durchaus sehr direkt in Preis und Leistung messen lassen – zumindest quantitativ.

Aber zurück zum Zeitartikel mit dem Titel „Wie Kickstarter die Konsumgewohnheiten verändert“. Die Crowdfunding-Plattform ist nicht nur eine Möglichkeit, Geld einzusammeln, sondern auch ein Marketing-Instrument und Aquisationsplattform für die ersten Kunden. Am Anfang steht vielleicht noch die Idee, aber vor der Produktion kommt bereits das Marketing. In der Regel stellt man seine Idee mit einem Video vor, und was ich da gesehen habe, war durchaus professionell gemacht. Da wird dann die Oma angepumpt, um das Video zu finanzieren, dass helfen soll, das gesamte Projekt zu finanzieren. Auf jeden Fall muss sich die Aufmerksamkeit erst einmal verdienen. Und manche Videos sind wirklich sehr glatt gezogen.

Das große Geld fließt woanders

Das sieht dann zwar alles schön links-alternativ aus, ein bisschen künstlerisch, ein bisschen antikapitalistisch beziehungsweise demokratisch (dieser Begriff wird durchaus verwendet), dennoch erinnert mich das Ganze an die BWL-Bubis vor zehn Jahren, die mit Anzug, schöner Frisur und 40 Blatt Papier unter dem Arm viel Geld eingenommen haben. (Diesen Vergleich wird mir jetzt nicht jeder abnehmen.) Anderer Zeitgeist, andere Summen, aber viel, viel Oberfläche. Damals konnte man sich dann auch ganze Büroetagen von den Einnahmen leisten. Das ist bei Crowdfunding sicherlich nicht der Fall. Das große Geld fließt immer noch an anderer Stelle. Crowdfunding ist lediglich the long tail. Spricht auch keiner mehr von.

2.750 Euro reichen vielleicht, um ins Tonstudio zu gehen, für eine kleine Programmieraufgabe oder zur Anschaffung einer Maschine. Ein Unternehmen mit Büro und Mitarbeitern lässt sich damit aber nicht finanzieren, auch nicht mit 20.000 Euro, die sich laut Kreßner auf diesem Weg maximal einsammeln lassen. Und jetzt komm mir bitte keiner mit Stromberg.

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